Ergebnisbericht Workshop 1 „Bedarfe, Möglichkeiten und Perspektiven“

Am 8. und 9. Mai kamen 16 Teilnehmende aus dem THiMO-Netzwerk mit dem Kernteam zusammen, um sich über die Bedarfe, Möglichkeiten und Perspektiven eines „Thesaurus medizinhistorische Objekte“ auszutauschen.


Zunächst wurde das Projektvorhaben THiMO kurz vorgestellt. Anschließend haben die Teilnehmenden, die für eine Sammlung tätig sind, Herkunft und Merkmale ihrer Objektbezeichnungen dargestellt. Danach entstammen die Objektbezeichnungen in den Sammlungen historisch gewachsenen Überlieferungsketten — mündlich, aus Katalogen oder Inventaren — und unterliegen der Spannung zwischen Herstellerfunktion und Nutzungskontext sowie unterschiedlichen Anforderungen an die Granularität. Durch die Digitalisierung der Verwaltungssysteme wurden frühere physische Beschränkungen der Karteikarte zwar aufgehoben, eine normierte und austauschbare Bezeichnungspraxis damit jedoch umso dringender. Als Erschließungswege wurden neben klassischen Normdaten auch bildbasierte Verfahren (Google) und Folksonomien diskutiert, wobei die Frage nach der Legitimationsquelle — Fachcommunity oder tatsächlicher Gebrauch — offen bleibt.


Die von den Teilnehmenden eingesetzten Wortlisten für Objektbezeichnungen sind teils (poly-)hierarchisch strukturiert und kombinieren Objektbezeichnungen mit Eigennamen oder Einzelbezeichnungen, ergänzt um alphabetische Register. Als Ordnungsmerkmale nennen die Anwesenden Anwendungsbereich, Form und Funktion, häufig entlang fachgebietlich-(sub)disziplinärer Gliederungen wie Gynäkologie oder HNO. Die Herkunft der Bezeichnungen ist heterogen: je nach situativer Einschätzung werden leicht online zugreifbare Quellen wie Wikidata oder AAT ebenso benutzt wie interne Projekte, aus zeitgenössischen Registern aus Herstellerkatalogen, oft durch Einzelpersonen ohne Rückgriff auf formale Standards. Mehrere der Listen zeichnen sich durch Mehrsprachigkeit (Deutsch und Englisch) sowie einen offenen, dynamisch wachsenden Charakter aus.


Die von den Teilnehmenden eingesetzten Inventarisierungssysteme sind vielfältig — genannt wurden u. a. WissKI, MuseumPlus, digiCULT/xtree, Axiell Collections und Faust, aber auch Eigenentwicklungen und Access-Datenbanken. Für die Vokabularverwaltung kommen Werkzeuge wie Skosmos, EVOKS, xtree und relationale Datenbanken zum Einsatz, daneben auch Triple Stores und bestehende Klassifikationen wie die DigiCult OBG. Datenexporte erfolgen in verschiedenen Formaten (LIDO, CSV, JSON, txt), teils über eigene Skripte etwa für die Konvertierung von Excel nach SKOS; MuseumPlus bietet zudem Schnittstellen zu GND und GeoNames und ermöglicht die Einspielung externer Thesauri.


Die geschilderten Praxisprobleme betreffen zunächst die Bezeichnungsebene ihrer gewachsenen Wortlisten: Objektbezeichnungen sind teils quellenlos oder werden mit Kontextinformationen vermischt. Die konzeptuelle Trennung zwischen Objektbezeichnung und Objektart gelingt in der Praxis häufig nicht. Hinzu kommt das Definitionsproblem — Definitionen fehlen vielfach oder kommen mangels Einigung gar nicht erst zustande, wobei der Aufwand für Begriffsbestimmung und Übersetzung die verfügbaren Personalressourcen oft übersteigt. Teilweise werden Objektzeichnungen aus Herstellerkatalogen und Objektpublikationen eingesetzt, die als Quelle für Objektdefinitionen dienen können. Strukturell bereiten Granularität, wachsende Objektzahlen und die Heterogenität der Bestände Schwierigkeiten. Organisatorisch fehlen vielerorts funktionierende Redaktionsprozesse, schriftliche Anleitungen und nachhaltige Pflegestrukturen — die Pflege von Bezeichnungslisten wird als aufwändiger, kontinuierlicher Prozess beschrieben, der explizite Regeln und personelle Kontinuität erfordert, in der Sammlungspraxis aber selten beides findet.


Im Laufe des Tages zeichneten sich zwei Impulse ab, die in der abschließenden Diskussion nach den Beiträgen von Martin Stricker (SODa) zu Aufgaben und Potenzialen von kontrollierten Vokabularen und Felix Köther (Herder-Institut) zum Projekt „Historischer Thesaurus“ bekräftigt wurden: einerseits der Wunsch, zügig in die konkrete Thesaurusarbeit einzusteigen, andererseits die Notwendigkeit, die Ziele und den Anwendungsrahmen des Thesaurus zu definieren.


Am zweiten Workshoptag führte Johannes Bracht (digiCULT) in die Grundlagen von Standards und Standardisierung ein. Als Einstiegslektüre wurde das Thesaurus-Handbuch von Jutta Lindenthal empfohlen; die DIN-Norm wurde als in der Praxis wenig hilfreich eingestuft. SKOS wurde als geeignete technische Basis benannt, wobei die Formatentscheidung als nachrangig gesehen werden sollte — vorrangig wären inhaltliche Grundfragen wie Struktur und Relationen des Thesaurus. Empfohlen wurde ein schrittweises Vorgehen mit klarer Vorfrage: Wofür wird der Thesaurus gebraucht? — z.B. für internes Retrieval oder externe Publikation — und als grundlegend wurde die Unterscheidung zwischen Begriffssystem und Entitätsabbildung hervorgehoben.

Joshua Enslin (museum-digital) stellte museum-digital beispielhaft für das Thema „Software, Schnittstellen und Interoperabilität“ vor. Es handelt sich dabei um eine ehrenamtlich getragene Initiative mit über 1.200 beteiligten Institutionen, die vier gemeinsam genutzte kontrollierte Vokabulare betreibt. Die Vokabulararbeit erfolgt über das Redaktionswerkzeug nodac, das u. a. Zusammenführung, Dublettenkontrolle und einen Wikidata-Fetcher für automatisierte Übersetzungen bietet. Über md:term werden die Vokabulare sowohl als öffentliche Weboberfläche als auch maschinenlesbar über Schnittstellen (REST, SKOS, Reconciliation API) zugänglich gemacht. Als Grundbedingungen für die Verwendung wurden Mehrsprachigkeit, Automatisierung und die Nachnutzung externer Ressourcen genannt.
 In der anschließenden Diskussion kamen Themen wie die Unterscheidung zwischen Synonymbehandlung im Thesaurus und Autokorrektur auf Systemebene, die konzeptuelle Trennung zwischen fehlerhafter Objektverknüpfung und inhaltlicher Schlagwortarbeit sowie die offene Frage nach Interoperabilität zwischen digiCULT und museum-digital als praktische Herausforderungen zur Sprache.


Andrea Granderath und Andrea Schenk (LVR-Abteilung Digitales Kulturerbe, Wortnetz Kultur) gaben in ihrem Impuls Einblick in die praktische Vokabulararbeit und betonten, dass die Festlegung von Vorzugsbezeichnungen stets ein regelgeleiteter Aushandlungsprozess ist, der an konkreten Objekten stattfindet und Leitkriterien sowie redaktionelle Hilfsmittel wie das Klammersystem erfordert. Als strukturelle Grundfragen wurden Hierarchiebildung, Granularität, Synonymik, Definitionsarbeit und Mehrsprachigkeit benannt, wobei die Qualität eines Vokabulars nicht nur in seiner Struktur, sondern auch in der Transparenz redaktioneller Entscheidungen liege. Das Begriff-Konzept-Paar wurde als grundlegende Einheit der Vokabulararbeit hervorgehoben, Mapping als Möglichkeit, Äquivalente aus verschiedenen Vokabularen zusammenzuführen. Offen blieb die Kosten-Nutzen-Frage: Der Mehrwert eines Thesaurus variiere je nach institutionellem Auftrag.


Massimiliano Carloni (ACDH/ÖAW) und Felix Kraus (KIT) gaben in ihrem Impuls Einblick in Infrastrukturfragen und Forschungsdatenmanagement für kontrollierte Vokabulare und stellten Tools wie Skosmos und die DARIAH/ACDH Vocabs-Plattform sowie BARTOC als Registrierungsdienst vor. Als konzeptuelle Grundlagen wurden FAIRness, persistente Identifier (w3id) und ein semantisches Versionierungsmodell (PATCH/MINOR/MAJOR) erläutert. Die Unterscheidung zwischen Langzeitarchivierung (Erhalt des Artefakts) und Langzeitverfügbarkeit (dauerhafter Zugriff und Nutzbarkeit) wurde als zentrale Herausforderung für einen lebendigen Thesaurus herausgestellt. Als Ausblick auf Workshop 5 wurden offene Fragen zu Kooperation, Redaktionszuständigkeiten, technischer Infrastruktur, Finanzierung und Lizenzierung benannt.


In der Abschlussdiskussion wurden Empfehlungen für die weitere Projektorganisation erarbeitet.

  • Als kurzfristige Maßnahme wurde vorgeschlagen, vor Workshop 2 z.B. mit einem Umfragetool einen funktionalen Anforderungskatalog in Form von Userstories zu erheben — sowohl aus Sammlungs- als auch aus Technikperspektive, idealerweise mit Beschreibung des Inventarisierungsworkflows. Betont wurde, dass Technik- und Sammlungsseite Szenarien gemeinsam durchspielen müssten, da Techniker den konkreten Mehrwert eines Thesaurus anschaulich machen könnten.
  • Der Fokus auf medizinhistorische Objekte wurde auch von Sammlungen aus anderen Fachbereichen als ausreichend bewertet, sofern der entstehende Standard grundsätzlich übertragbar bleibt.
  • Für die Zeit zwischen den Workshops wurde empfohlen, in kleinen operativen Arbeitsgruppen zu agieren
  • Bestehende Objektbezeichnungslisten sollten zusammengeführt und analysiert werden, um einen ersten Blick auf die begrifflichen Herausforderungen der anvisierten Thesauruserstellung zu eröffnen
  • Die Diskussion über Objektbezeichnungen auf der einen und Thesaurus-Einträgen auf der anderen Seite sollte intensiviert werden